Tandem: ja, nein, vielleicht – oder doch?

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publiziert: Freitag, 7. Aug 2015 / 10:31 Uhr
 

 «Verlassen Sie sofort den Zug! Tandems sind hier nicht erlaubt!» Zu einer Diskussion blieb keine Zeit, denn der rabiate SBB-Kontrolleur liess keinen Zweifel an seiner Absicht und warf Teile unseres Gepäckes auf den Perron. «Die da oben wollen es so!» rief er uns nach, während er triumphierend aus dem abfahrenden Zug schaute. «Zugverweis» raste es uns durchs Gehirn.

«Zugverweis in der Schweiz»! Aua, das tut weh! Mitten im Land der Friedfertigkeit werden Schweizer Bürger aus ihrem Beinahewohnzimmer rausgeworfen, obwohl alles rechtens erschien: Auf der Velotageskarte stand klar und deutlich: «keine Transportgarantie – nur sofern Platz vorhanden, doppelter Preis für Tandems». Und alles als klare Drohung in Grossbuchstaben. Und Platz war mehr als vorhanden, kein zweites Velo weit und breit.

In Frankreich, Deutschland und sogar in Italien hat man uns höchst zuvorkommend behandelt, in Lyon wurden eigens für uns TGV-Züge angehalten, damit wir am Ende des Perrons in Begleitung eines extra abgestellten Beamten bequem zu unserem Abfahrtsgleis gelangen konnten, weil das Tandem nicht in den Lift passte. Und nun standen wir sehr weit von unserem Wohnort entfernt auf einem belanglosen Bahnsteig und verstanden die SBB-Welt nicht mehr. Wir wussten, dass ein Tandem nie in einen TGV darf, aber Jahre als Vielfahrer in allen anderen Zugvarianten verliefen immer problemlos, selbst mit deutschen Fahrrädern konnte man sich arrangieren.

An der Information des grossen Bahnhofes musste ich die Situation erst zweimal erklären, man verstand mich nicht, denn die vorliegende Velo-Tageskarte schien korrekt zu sein. Nach langem Schweigen wegen des Aufrufens von vielen SBB-Intranetseiten, kam dann eine überraschende Antwort: «Ja tatsächlich, seit dem 1. April diesen Jahres soll der Transport von Tandems nicht mehr erlaubt sein! Sorry, kommuniziert hat man uns das nie!»

Ein allgemeines kollegiales Gegrunze hinter dem Schalter begann, dass schon wieder eine kundenunfreundliche Regelung nicht regulär mitgeteilt worden war und schon gar nicht den Tandemfahrern. Nach kurzer interner Beratung dann die überraschende offizielle SBB-Idee: «Nehmen Sie doch den nächsten Interregio, ich glaube nicht, dass der Kollege diese neue Regelung kennt.» Uff, in der Schweiz etwas eigentlich Geregeltes hintergehen zu müssen nach dem Prinzip der Hoffnung und des vielleicht Nichtwissens!? Das macht Zugfahren spannend, hochemotional und auch besonders, wenn man nie weiss, wann man aus dem Zug fliegt.

Zugegeben, wir sind nun öfter als geplant in «verbotene Züge» mit dem Tandem eingestiegen, denn wer hat schon so viel Spannung in den Ferien? Und wir entdeckten ein neues Spiel: den Kondukteur fragen, ob Tandems in diesem Zug erlaubt sind. Alle, wirklich alle liessen uns freundlich einsteigen. Und als wir unsere Geschichte des Rauswurfs erzählten, wollte man uns nicht glauben, schliesslich seien wir doch im Land des totalen Bahnfahrweltmeisters. Tessiner Kondukteure glaubten, von diesem Verbot schon mal etwas gehört zu haben, «aberr die Centrale in Zurigo ist serr weit». Und die Kollegen im Welschland korrigierten unser Französisch: «Les tandems sont permis – pas interdits!»

Ziemlich enttäuscht über den verpassten zweiten Rauswurf gaben wir unsere Taktik auf und beschlossen, nun brave Tandemfahrer zu werden und nie mehr in Risiko-Zügen zu fahren – auch nicht in Gedanken! Wir werden uns aber am Management der SBB rächen und nie mehr ein doppeltes Velobillett lösen und unser Tandem jedes Mal dank 6 grosser Schrauben auseinander nehmen, in Aldi- und Lidl-Plastiksäcke einpacken und  mit einem grossem Aufkleber versehen:«halbes, kostenfreies Tandem».(Inga Wolf/Nebelspalter)

Quelle: Nebelspalter